Autofreier Sonntag

2012 begann dank vieler lieber Menschen mehr als grandios.

Der erste Text des Jahres, gestern beim Vorsprechtermin im Ponyhof vorgetragen.

Irgendwann war es soweit. Ich musste zum TÜV. Die mittlerweile seit 4 Monaten abgelaufene Plakette an meinem Nummernschild fiel immer mehr auf in der Nachbarschaft, und ich kassierte von Woche zu Woche neue Strafzettel und Mahnungen, wozu sicherlich auch der “Bullenschweine, Bullenschweine Oi Oi Oi”-Aufkleber seinen Teil beitrug.

Ich liebte mein Auto, einen alten Saab, Baujahr 1993, sehr. Wer es nicht weiß, Saab ist tatsächlich eine Automarke, die nebenbei auch noch Kampfjets baut, und so fühlte ich mich in meinem Saab, wenn ich durch die Straßen schoss. Wie in einem Kampfjet.

Trotzdem fuhr ich ganze 4 Jahre unfallfrei, bis auf den Auffahrunfall mit einem Smart an einer Ampel, weil ich eine SMS schrieb. Mein Nummernschild war anschließend ein wenig verbeult. Die Frau in dem Smart konnte aber bereits nach 4 Stunden aus ihrem Auto freigeschnitten werden und wachte auch relativ schnell, nach nur 2 Monaten, aus dem Koma auf. Das Handy ließ ich zum Glück vor Schreck fallen, was nicht weiter auffiel und ich somit straffrei davon kam. Beim zweiten Unfall, oder sagen wir, verkehrstechnisches Missgeschick, fuhr ich meinen Mitbewohner auf dem Fahrrad an. Auch er kam mit nur zwei Überschlägen gut davon. Ich lud ihn darauf hin auf ein Eis ein.

In diesen abenteuerreichen 4 Jahren, in denen ich immerhin ganze 65.000 km fuhr, bei etlichen Festivalbesuchen, illegalen Straßenrennen, einer Karriere als Jason Statham alias The Transporter Look-a-like-Fluchtwagenfahrer, und unzähliger Übernachtungen auf den eigenen 4 Rädern, machte mein Auto viel mit, weshalb ich mit keinem guten Gefühl zum TÜV fuhr.

Auf dem Weg dorthin und mit bösen Vorahnungen, zog  mein Leben als PKW-Fahrer und Jetpilot noch einmal an mir vorbei und sensibilisierte meine Sinne auf das, was um mich herum passierte, ich aber schon lange nicht mehr wahrnahm.

Ich stehe an der Ampel und wie von selbst fällt mein Blick, auf der gewohnten Suche nach Augenkontakt während der Rotphase,  durch die Scheibe des Autos neben mir. In dem tiefer gelegten BMW rechts von mir war aber niemand zu sehen. Verstört lehnte ich mich nach vorne woraufhin ich den Fahrer sehen konnte. Sein Sitz war etwa im 160 Grad Winkel nach hinten gelehnt, weshalb er sehr tief im Auto saß, fast sogar lag. Als er meinen irritierten Blick sah, drückte er mit seiner Nasenspitze einen Knopf, woraufhin sich die Scheibe senkte. Dann schrie er, “Problem du Hurensohn?”, trat aufs Gas und donnerte davon. Ich war sichtlich beeindruckt und fuhr ebenfalls weiter.

Als ich an der nächsten Kreuzung stand, beobachtete ich einen LKW-Fahrer, der gerade Zeitung las, mit zwei Drumsticks auf das Lenkrad trommelte und durch das Fernsehprogramm zappte, während er sich ein Brot schmierte. Sein Name, Günni, leuchtete in hellen LED-Farben hinter ihm in der Fahrerkabine. Die Ampel schaltete auf grün als sich Günni gerade die neue Zigarette, die er während der Orangephase drehte, mit der alten anzündete. Dann rollte er weiter und ich laß in großen Lettern auf seinem Anhänger “40 Tonnen Sexappeal.” Ich war erneut sehr beeindruckt.

Als ich mich eine Weile auf der linken Spur der Straße befand, schoss hinter mir ein Kombi mit 368 km/h an und bremste gerade so, dass ich die Scheinwerfer nicht mehr in meinem Rückspiegel sehen konnte, weshalb ich auch die Lichthupe nicht mehr erkennen konnte. Der Fahrer, vermutlich ein Vertreter, trug einen Anzug und seine Krawatte wirbelte herum, während er wild gestikulierte und wütend auf sein Lenkrad einschlug. Zu seinem Ärgernis fiel ihm jetzt auch noch eines der beiden Handys herunter, die er sich zwischen Ohr und Schulter geklemmt hatte. Er überholte rechts, zeigte mir geschäftsmännisch den Mittelfinger, und war bald nicht mehr zu sehen. Beeindruckt von dieser Zielstrebigkeit setzte ich meine Fahrt zum TÜV fort.

Als ich dort ankam stand bereits der BMW von vorhin auf dem Prüfstand und der Inspekteur zog gerade seinen Kopf aus dem gewaltigen, verchromten Auspuffrohr. Offensichtlich konnte er keine Mängel finden, und vergab kurz darauf den heißersehnten Stempel. Der BMW-Fahrer verriegelte mit seiner Nase den Türknopf und der tiefer gelegte Wagen brummte vom Hof. Auf der Straße angekommen, beschleunigte er und riss sich am nächsten Geschwindigkeitshubel den gigantischen Auspuff ab.

Ich fuhr mein Auto auf den Prüfstand, und beobachtete den Mechaniker interessiert bei seiner Arbeit. Nachdem er die leeren Getränkedosen unter den Pedalen entfernte, konnte er mit der Fahrzeuganalyse beginnen. Kurze Zeit vorher wurde ich schon bei einer Polizeikontrolle auf die enormen Mengen Müll in meinem Auto angesprochen. Ich erklärte den Polizisten, dass ich meinen Müll immer hinter den Sitz werfe und dann einmal im Monat mit dem Sitz ganz nach hinten rutsche, was dem Effekt einer Müllpresse ähnelt. Verwundert aber deutlich beeindruckt von meinem Einfall kontrollierten sie noch den Kofferraum. Als sie in meinem Erste-Hilfe-Kasten nur eine Packung Hello Kitty Pflaster und eine Rolle Alufolie fanden, kam ich um eine Verwarnung aber nicht mehr herum.

Nach etwa einer halben Stunde auf dem Prüfstand lag die Mängelliste vor:

Ölwanne undicht
Ventildeckel undicht
Falsche Bereifung
Kofferraum Wassereinbruch
Auspuffanlage verrostet
Querlenker kurz vor Bruch
Hinterbremse nicht funktionsfähig
Scheibenwischanlage – kein Wasser.

WAS, dachte ich. Kein Wasser! Das habe ich doch erst aufgefüllt!

So wird das nichts, sagte mir der Mechaniker, und gab mir den Zettel mit dem Hinweis, bis wann ich die Mängel beheben lassen sollte. Enttäuscht fuhr ich davon und fühlte mich zum ersten Mal nicht wie in einem Düsenjet.

Diese Mängelliste kam dem Todesurteil für meinen Saab gleich. Mir war klar, dass ich dieses Auto verkaufen oder irgendwie anders los werden musste. Und zwar schnell.
In diesem Moment fuhr eine vierköpfige Familie in ihrem brandneuen, großen und edeln Geländewagen an mir vorbei und rollten, ohne, dass sie es bemerkten, über zwei Blumenkübel, einen Sportwagen und einen Hund. Ich war mehr als beeindruckt von diesem Auto, und umso trauriger als mein Blick wieder auf meinen bordeauxroten Blechhaufen fiel.

Mir war klar, dass ich nicht mehr viel für dieses Auto bekommen würde, und nach etwa zehn vergeblichen Anrufen bei den sogenannten “Visitenkarten-Autohändlern”, die ja bekannterweise jedes Auto, mit und ohne TÜV, auch mit Motorschaden, deutschlandweit, 7 Tage die Woche und sofort bar abholen, bekam ich etwas Angst, da ja meine Frist für den TÜV-Nachholtermin langsam aber sicher ablief. Und nochmal dafür zahlen wollte ich auf gar keinen Fall.
Auch meine Erklärungsversuche am Telefon brachten nichts. Ich sprach mit Ali über den guten Zustand des Motors, mit Yusuf über die Toplackierung und mit Erkan über den Sammlerwert, aber es interessierte sie nicht, und von Düsenjets wollten sie schon gar nichts hören.  Niemand wollte dieses Auto, niemand brauchte es, also griff ich zu drastischen Mitteln und ganze zwei Stunden später gab der erste Bieter sein Gebot von einem Euro bei Ebay ab. Nach 7 Tagen und am Ende der Auktion bekam ich von einem Käufer aus Berlin noch ganze 250 Euro für das Auto. Kurz darauf telefonierten wir dann, plauderten angeregt und sprachen über das Auto. Danach versuchte ich ihm noch energisch zu erklären, dass Darmstadt ja jetzt das neue Berlin wäre. Er gab sich jedoch unbeeindruckt.

 Ein paar Tage später fuhr ich an den Bahnhof, wo wir uns treffen wollten, weil er mit dem Zug käme. Ich fuhr in der Zwischenzeit auch weiterhin ohne TÜV, um die letzten gemeinsamen Tage mit meinem Saab zu genießen. Am Bahnhof angekommen fiel mir ein, dass ich ja gar nicht wusste, wie der Käufer aussieht. Deshalb schrieb ich ihm eine SMS: “Stehe auf dem Parkplatz. Glatze mit Karohemd.”. Er schrieb zurück: “Super! Me = Glatze und Sakko.” Wir verstanden uns also auf Anhieb. Glatze mit Sakko war etwa 30 und ein echt netter Typ. Er bezahlte gleich bar auf die Hand, wollte aber erneut nichts davon wissen, warum Darmstadt jetzt das neue Berlin wäre. Zügig stieg er also ins Auto und fuhr den weiten Weg zurück nach Berlin. Ohne TÜV und funktionierende Hinterbremse. Das Wischwasser hatte ich ihm aber noch aufgefüllt.

Ich machte mich auch auf den Weg, und fuhr kurz darauf zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Bus. Ich war extrem beeindruckt und bin seitdem froh, kein Auto mehr zu haben. Das ist auch viel sicherer. So sind in Darmstadt erst gestern Abend zwei Polizeiautos ineinander gekracht, woraufhin sich eines überschlug und in einen Stromverteiler knallte. Beide Wagen wurden aufgrund eines Fehlalarms losgeschickt. Reumütig dachte ich, “Bullenschweine, Bullenschweine Oi Oi Oi!”

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