Reale Albträume

Grundsätzlich habe ich einen guten Schlaf.
Es ist weder ein besonders tiefer, noch ein sehr leichter Schlaf. Ich würde sagen, es ist ein angepasster Schlaf. Mein Schlafverhalten hat sich über die Jahre stark an meine Umgebung angepasst. Ich wache nicht auf, wenn der Kühlschrank in meinem Zimmer schlagartig anfängt zu brummen oder die Müllabfuhr früh am Morgen direkt an meinem Zimmer vorbei fährt. Manchmal schlafe ich auch mit Musik ein, die erst eine ganze Zeit später aufhört zu spielen. Neuerdings, in Anlehnung an meine Kindheit, auch hin und wieder mal mit den Drei Fragezeichen. Jedes Geräusch innerhalb meines Zimmers ist mir bekannt. Meine Swatch, die lauter tickt als die Wanduhr, der Marder und die Spatzen unter meinem Dach.
Die akustische Ausblendung funktioniert perfekt.
Wenn jedoch jemand auch nur einen Fuß auf meine Treppe setzt, die Tür im Stockwerk unter mir schließt oder öffnet, manchmal sogar, wenn man nur über mich spricht (sehr gespenstisch), wache ich schlagartig auf und bin hellwach.
Ich wache nicht, wie viele Menschen, langsam auf, muss mich zunächst orientieren und reibe mir den Schlaf aus den Augen. Meine Sinne sind so gut wie immer sofort aufnahmebereit und verarbeiten alles. Wenn ich merke, es wird, wenn auch nur ganz leise, über mich gesprochen, rufe ich meistens gleich darauf in angebrachter Lautstärke einen passenden Kommentar.
Trotzdem schlafe ich gerne aus und genieße es, mich im Bett zu drehen und zu wenden. Ganz besonders unter der Woche, wenn ich die Minuten hinauszögern will, um meinen Körper  dann anschließend der morgendlichen, gefühlten Kälte auszusetzen. Am Wochenende kann sich dieser Aufstehprozess ziehen, allerdings bin ich in der Regel ein Frühaufsteher.

Hin und wieder kommt es vor, dass ich auch mitten in der Nacht kurz aufwache. Meistens dann, wenn ich einen Albtraum hatte. Was man jedoch als Albtraum definiert ist unterschiedlich. Ein für mich eindeutiges Indiz ist der eigene Tod im Traum. Manchmal reicht auch schon der Augenblick kurz vor dem eintreffenden Tod. Ich bin schon schweißgebadet und panisch aufgewacht. Wusste nicht, ob ich lebe, wo ich bin und was real ist. Nur weil ich geträumt habe.
Nach wenigen Sekunden legt sich diese Ungewissheit. Man erkennt sein Zimmer, die haptische Wahrnehmung des Bettes ist vertraut. Ich kann ohne Probleme wieder einschlafen. Ganz im Gegensatz zu einem Freund von mir, der, wenn er einmal aufgewacht ist, nicht mehr einschlafen kann, selbst wenn er erst in einigen Stunden aufstehen müsste. Was er in dieser Zeit macht und wie man innerhalb dieser Zeit nicht wieder einschlafen kann, ist mir bis heute ein Rätsel.
Trotz allem liebe ich das Träumen. Es gibt Abende an denen ich mich freue, schlafen zu gehen, nur weil ich dann träume. Für mich spielt es keine Rolle, was ich träume. Selbst Albträume empfinde ich als aufregend, auch wenn ich im Traum Angst habe oder in ihnen sterbe. Träume sind doch im Grunde nichts anderes als Abenteuer, die wir in der Realität nie erleben würden. Ich spreche in meinen Träumen mit Menschen, die ich noch nie gesehen habe oder, weil sie mir nie bewusst auffielen, von meinem Unterbewusstsein eingespeist werden. Wir (ver)schlafen ein Drittel unseres Lebens, aber ist nicht gerade dieses Drittel das vielleicht phantasievollste?
Es spielt sich nur in unserem Kopf ab. Wir haben nur selten, meistens aber keine Kontrolle. Wir sind in unrealistischen Situationen an nicht existierenden Orten, die uns verstören und gleichzeitig faszinieren. Vor allem aber beschäftigen sie uns.
Wir kommen am Morgen ins Büro und irgendwann kommt es von ganz alleine. Wir erzählen jemandem, einem Kollegen, vollkommen ungefragt von unserem Traum. Möglicherweise bekommen auch wir von den Träumen anderer berichtet. Ich denke jeder kennt diese Situation, die wir als Verarbeitungsprozess nutzen, wenn wir den Traum nicht schon längst wieder vergessen haben.

So ergeht es aber den meisten Träumen. Sie werden vergessen. Manchmal innerhalb von Sekunden. Am häufigsten direkt, wenn man das Bett verlässt.
Manchmal versuche ich noch morgens im Bett, den Traum abzurufen, ihn Revue passieren zu lassen, was oft gut funktioniert. Nur so kann ich mich vergleichsweise lange an einen Traum erinnern. Ein Traumtagebuch führe ich nicht, obwohl ich oft darüber nachgedacht habe. Der Hauptgrund ist, dass ich einmal gelesen habe, es soll Träume intensivieren.
Bisher habe ich nur einmal einen Traum niedergeschrieben. Das Dokument habe ich nicht mehr, aber ich habe noch fast das vollständige Bild des Traums vor Augen. Ich weiß in welcher Nacht ich ihn geträumt habe und was an dem Abend passiert ist.
Kein schlechter, erster Eindruck des Niederschreibens also.



„Nachtmahr“, Johann Heinrich Füssli (1802)

Träume sind für mich eine willkommene Abwechslung im Leben. Sie berreichern  jeden Tag bzw. jede Nacht mit einem unwillkürlichen Kontrollverlust.  Manchmal  habe ich mich schon mittags einfach hingelegt, nur um etwas zu träumen. So kann der Traum auch als Flucht missbraucht werden. Ich habe keine Angst vor verstörenden Szenarien, die ich nicht begreife und den Albträumen. Jeder Traum hat etwas Phantastisches. Sie ergänzen unser Leben nachts, während des Schlafes, wenn wir eigentlich nichts mehr spüren und die Empfindungen abgeschaltet sind. Sie verdienen Beachtung und Wertschätzung. (Aber nicht jene von den sogenannten Traumdeutern der profitgierigen Esoterikerkreise.)
Es ist eine von vielen Pflichten, die uns mit unserem Körper und unserem Verstand gegeben wurde, auch unsere Träume als großen Teil unseres Lebens zu sehen, den wir schätzen, hinterfragen und vor allem genießen sollten.

Meine Zähne knirschen, wenn ich träume. Die staubige Aufbissschiene liegt neben mir auf dem Nachttisch. Mein Zahnarzt sagt, meine Kiefermuskulatur wäre sehr stark ausgeprägt, aber meine Zähne weisen trotzdem keinen Verschleiß auf.
Mein Körper nimmt Teil an den Träumen. Er wehrt sich, ist angespannt, will eingreifen. Deshalb schwitzen wir oft sehr stark nach intensiven (Alb)Träumen.

Ich spreche nicht im Schlaf. Nie.
Letzte Nacht bin ich aufgewacht, weil sie geschrien hat. Noch nie habe ich einen Menschen im Traum oder beim Erwachen aus einem Traum so schreien gehört.
“HILFE! HILFE! HILFE!”
Mehrmals.
Ich wachte blitzartig auf. Hörte die Rufe, war aber ganz ruhig. Mit offenen Augen lag ich da und registrierte angestrengt die panischen Worte. Es war eine extrem surreale Situation, die mich aus der Tiefschlafphase riss. Mein Gehirn musste begreifen, dass die Rufe echt waren.
Ich hatte das Gefühl als würde ich parallel denken, “EINBRECHER!” und “Sie hat nur einen Albtraum.“  – Ich machte kein Geräusch, in der Hoffnung welche zu vernehmen.
Nichts.
Sie war wohl wieder eingeschlafen. Eine heftige Reaktion auf einen Traum.
Seit Jahren hat sie Angst vor ihren Träumen. Nimmt sogar Tabletten gegen sie ein.
Dann erinnerte ich mich.
Bevor sie ins Bett ging, sagte sie noch, sie hätte einen schlimmen Film gesehen, der nicht gut wäre für die Nacht.

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6 Antworten zu Reale Albträume

  1. manni schreibt:

    ein schönes essay für mehr bewusstseinserweiterung. jetzt fühle ich mich plötzlich dazu motiviert lsd zu schlucken..
    oder doch vielleicht nur inception gucken?……

    am besten, ich gehe einfach schlafen.

    gute nacht.
    und träumt süß..

  2. KZnr1 schreibt:

    Wer dich kennt, weiss das du (nicht wie im text) manchmal desorientiert aufwachst… vorallem nach saufabenden!

    Btw. du hast vergessen die Ratten auf zu zaehlen, die manchmal in deiner Decke bzw. unter dem Dach laufen! ;) ))

  3. Icke schreibt:

    Ich verstehe jedes Wort!
    Ich war auf der Suche nach einem schönen Bild!
    Das habe ich gefunden, und noch mehr..
    Ich verstehe es genau SO!
    Das ist das Schöne daran, abends schlafen zu gehen!
    Zu wissen, dass es auch ein heftiger Traum sein könnte,
    zu wissen, dass das der worst case ist, um unbeschadet
    aber dennoch geprägt,….sofern man sich erinnert,
    aus ihm hervorgeht!
    Das möchte ich nicht missen… LG C.

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